Das Modell der „6-Ebenen des Bewusstseins“
January 25, 2022

Als Bodyworker, Trauma- und Psychotherapeuten können wir das Modell der „6-Ebenen des Bewusstseins“ nutzen, um unsere Arbeit zu vertiefen und effektiver zu machen.

Johanna und ich haben gerade 2 Videos veröffentlicht, in denen wir über dieses „Modell der 6 Bewusstseinsebenen“ sprechen, das wir als Methode zur Einschätzung und in der direkten Zusammenarbeit mit unseren Klienten verwenden:

“Veränderte Zustände” während und nach der Massage

Als ich vor 40 Jahren am Esalen Institute in Big Sur, Kalifornien, eine Praxis für Körperarbeit eröffnete, sah ich mich mit der Aufgabe konfrontiert, Menschen zu unterstützen, die während dieser Arbeit in „veränderte Zustände“ gerieten. Diese Erfahrungen reichten von tief gefühlten Emotionen, dem Wiedererlangen verschütteter Erinnerungen, „energetischen“ Entladungen bis zu manchmal dissoziativen Reaktionen – alle ausgelöst von der einfühlsamen Berührung. Diese Erfahrungen tauchten manchmal während der Sitzungen auf dem Massagetisch auf, manchmal aber auch erst Stunden oder Tage nach unserer gemeinsamen Arbeit. Mit Hilfe der vielen Lehrer, die während meiner Zeit in Esalen anwesend waren, begann ich, diese Phänomene als Heilungsprozesse oder als Ausdruck von Heilungsbarrieren zu verstehen, die ausgelöst werden, durch eine Art der Berührung die wir am besten als eine auf „Präsenz basierende Berührung“ bezeichnen.

Integration aller Aspekte des Erlebens im Moment

Eine der wichtigsten Dinge, die in der Arbeit der erfahrenen Therapeuten und Lehrer, von denen ich das Privileg hatte lernen zu dürfen, deutlich wurde, war das, was viele als den gefühlten Sinn unserer Erfahrung bezeichnen. Der gefühlte Sinn bezieht sich auf die Integration aller Aspekte die unser Erleben von Moment zu Moment ausmachen: Empfindungen, Emotionen, verbal-kognitive Gedanken, Erinnerungen/Bilder, die im Geist als bildhafte Gedanken erscheinen, unsere Körperhaltung, Muskelspannung und Atem. Diese verschiedenen Aspekte unseres bewussten Erlebens verschmelzen miteinander, um uns Informationen über unsere inneren Zustände geben. Wenn uns eine dieser Ebenen aufgrund von Lebensumständen, Erziehung, Traumata oder anderen Selbstbeschränkungen nicht zur Verfügung steht, ist unsere Fähigkeit, unsere Erfahrung zu verstehen und zu integrieren, ebenfalls eingeschränkt, und die Qualität unseres Lebens reduziert. Die oben genannten Aspekte stellen 5 der sechs Ebenen dar, die wir mit unserem Modell beschreiben: Empfindung, Emotion, verbale Kognition, bildhafte Kognition und Bewegung (einschließlich Körperhaltung, Muskeltonus, Atem und muskuläre Bewegungen jeglicher Art).

Die Sehnsucht nach Verbindung

Vor ein paar Jahren lernte ich von Dr. Dan Siegel eine weitere Ebene des bewussten Erlebens kennen. Dieser Aspekt des Bewusstseins war mir in jeder Sitzung, die ich je gemacht hatte, direkt vor Augen gewesen, und ich bin Dr. Siegel dankbar, dass er diesen so einfach formuliert hat: das Gefühl der Verbundenheit. Zuerst verstand ich nicht ganz, was er damit meinte, wenn er dieses als einen Aspekt des Bewusstseins bezeichnete, aber dann wurde mir klar, wie wichtig es für unser Überleben in einer Welt der Beziehungen ist und wie grundlegend wichtig es ist, sich mit uns selbst und unseren Erfahrungen auf eine unmittelbare, auf Präsenz basierende Weise zu verbinden.

Der Drang, sich zu verbinden, lebt tief in der DNA jeder Zelle eines jeden Lebewesens, und es ist die Verbindung, die uns hilft, zu überleben und zu gedeihen. Die Suche nach Verbundenheit nimmt einen großen Teil unseres Verhaltens ein und bestimmt in hohem Maße, wie wir uns selbst und die Qualität unseres Lebens empfinden. Mir wurde klar, dass das Erste, was ich beginnenden Bodyworkern, Gestalttherapeuten und Gruppenleitern beibringe, ist, wie sie eine Verbindung mit ihren Klienten herstellen können.

Es ist die Beziehung, die heilt

All diese Erkenntnisse führten zu dem Modell der «6-Aspekte des Bewusstseins“, das wir in unserer Arbeit verwenden und vermitteln. Es ist nützlich zur Einschätzung des Klienten, indem es aufzeigt, welche Aspekte ihm/ihr zur Verfügung stehen und welche nicht. Je mehr Aspekte dem Klienten zugänglich sind, desto grösser die Chance, die Fülle des Lebens zu geniessen und Schwierigkeiten zu bewältigen. Je weniger Aspekte dem Klienten zur Verfügung stehen, desto limitierter und evtl. sogar labiler oder gar fragmentierter wird das Erleben. Viele Klienten haben zum Beispiel Schwierigkeiten, ihren Körper zu spüren und zu fühlen; Trauma-Überlebende machen diese Erfahrung häufig. Andere Klienten haben Schwierigkeiten, ihre Gefühle verbal auszudrücken, während es wiederum für andere eine Herausforderung ist, Emotionen und ihren Ausdruck zuzulassen. Manche sind buchstäblich als Schutzfunktion in ihrem Körper „eingefroren“ und lassen weder Atem noch Bewegung noch irgendeinen anderen körperlichen Ausdruck zu, der zu einer tieferen Öffnung der Erfahrung führen könnte.

So viele Menschen leben nur auf der Ebene des verbalen Erkennens und lassen aufgrund von Barrieren die aus ihrer Erziehung stammen, niemals die volle Entfaltung der Erfahrung zu, die die anderen Ebenen bieten. Schließlich können sich unsere Klienten mit uns und durch unsere Unterstützung tiefer mit sich selbst und ihrer Erfahrung verbinden. Irving Yalom, der bekannte Psychiater und Autor aus Stanford, sagte immer: „Es ist die Beziehung, die heilt“. Der gefühlte Sinn unserer Erfahrung als beziehungsorientierte Wesen öffnet Herz und Verstand für ein Gefühl von Sinn und Bedeutung im Leben und birgt ein großes Potenzial, in jedem Menschen angeborene Heilungsprozesse zu wecken.

Wir wenden dieses Modell also zunächst an, indem wir feststellen, ob unsere Klienten sich mit uns verbinden können oder ob sie ängstlich, misstrauisch, dissoziativ oder emotional reaktiv sind. Wenn sie eine therapeutische Beziehung mit uns eingehen können, können sie dann über die anderen 5 Ebenen des Erlebens Zugang zu sich selbst finden? Wir finden gemeinsam in der Arbeit heraus, welche Ebene(n) dominant ist/sind und können dann durch verschiedene Experimente (z. B. veränderte Atemmuster, nonverbale Körperarbeit oder gestaltbasierte Rollenspiele) in das Erleben der anderen Ebenen üben und öffnen.

Das Kontinuum des Gewahrseins entdecken

Dies ist nur eine kurze Beschreibung, wie das Modell eingesetzt werden kann und was wir in unserem kommenden Workshop in ISP (Integrative Somatic Process™) lehren werden. Dies wird eine tiefe innere Reise, bei der wir durch Movement Practice™ und innere Erkundung auf neue Art mit uns und Anderen unmittelbarer in Kontakt kommen können.

Wir werden das Kontinuum des Gewahrseins entdecken und damit arbeiten; ein Begriff aus der Gestalt-therapie, der den Strom des Auftauchens unserer bewussten Erfahrung von Moment zu Moment beschreibt. Auch werden wir lernen, füreinander einen „haltenden Raum“ zu schaffen, so dass sich unsere Selbsterkundung vertiefen kann und wir unsere natürliche Fähigkeit, uns durch das Herz miteinander zu verbinden, besser erfahren können. Wenn wir diese Fähigkeiten in uns selbst entwickeln, können wir unsere Klienten auf ihrem Weg zur Selbstheilung und Ganzwerdung authentischer wirkungsvoller und müheloser unterstützen.

25.1.22, Perry Holloman

Information und Anmeldung für das Seminar im März mit Perry und Johanna:

https://esalen-massage.de/advanced-training/isp/

 

 

 

 

 

 

Liebe Freunde der Esalen Massage,

wir, Johanna und Perry, sind gerade aus Deutschland zurückgekehrt. Perry hat zwei Advanced Kurse unterrichtet und Johanna den zweiten Block der Esalen Massageausbildung. Wir sind dankbar für die tiefe und schöne Zeit mit den Gruppen und haben auch die beiden Tagungshäuser, Hollerbühl im Süden und Bahrenhof im Norden sehr genossen.
Es freut uns sehr, die Esalen Massage Gemeinschaft in Deutschland und der Schweiz wachsen zu sehen und zu beobachten, wie diese heilsame Arbeit durch immer mehr begabte Hände fliesst.

Esalengruppe

Mit unseren Newslettern möchten wir die Gelegenheit nutzen, mit Euch in Verbindung zu bleiben und immer wieder tiefere Aspekte der Esalen Massage, so wie wir sie lehren, anzusprechen.
Eines der “offenen Geheimnisse” besteht darin, dass wir nicht einfach Techniken lernen und anwenden, sondern mit unserem ganzen Wesen Kontakt zu unseren Klienten aufnehmen. Das bedeutet, dass wir selbst in unserer Gesamtheit das Werkzeug unserer Arbeit sind und verkörpern. Dies ist eine tiefe Kontemplation und dabei ist es ungemein wichtig ist, uns selbst zu schätzen und gut für unseren eigenen Körper und unsere Seele zu sorgen. So ist es uns möglich, immer tiefer in die Verbindung mit unserer inneren Präsenz einzutauchen.

Deshalb lernen wir von Anfang an in den Trainings, durch einen guten Stand und unsere aufgerichtete Körperhaltung am Tisch, universelle Energie in Form von Schwerkraft durch uns zu kanalisieren, statt uns durch Muskelkraft zu erschöpfen.
Darüber hinaus geht es im “Wesentlichen” um die Berührung aus einem inneren Zustand des verkörperten “Präsent-Seins” (Embodied Presence), in Kontakt mit uns selbst.
Zu den hartnäckigsten Barrieren gegen das Erleben dieser inneren Präsenz gehört unser Gefangensein in kreisenden Gedanken und im ständigen Tun. Wenn wir versuchen, in den langsamen, stillen Fluss der Esalen Massage einzutauchen, bemerken wir oft unsere eigene innere Unruhe und Betriebsamkeit: wir sind abgelenkt und abgetrennt von dem ursprünglichen Zustand des einfach Seins.

Um diesen direkten und spürbaren Kontakt zu unserer Präsenz zu verankern, verbringen wir in unseren Aus- und Weiterbildungen, neben Meditation und Yoga, jeden Tag Zeit mit einer Methode, die wir “Movement-Practice” nennen.
Dabei üben wir durch gezielte Anleitung, unsere Wahrnehmung durch die Sinne zu verstärken. In der Bewegung lenken wir die Aufmerksamkeit auf das Spüren, während wir verschiedene Aspekte wie Fliessen, Leichtigkeit oder dynamische
Stille, spielerisch erkunden und verkörpern.

Movement Hollerbühl

Die Movement Practice bringt uns viele Geschenke für die Massagepraxis (und das Leben überhaupt), die wir in Zukunft noch weiter behandeln werden, wie z.B Raum- Halten, Ge-erdet bleiben, gute klare Grenzen zu wahren etc.
Wir ermutigen Euch alle, die Ihr in engem Kontakt mit Menschen arbeitet und an der Massagebank steht, jeden Tag Möglichkeiten zu entdecken, achtsame Bewegung zu üben, vielleicht einfach mal im Wohnzimmer einige Minuten zu tanzen oder auf dem Boden zu rollen und die “Fühler” nach innen zu richten und mit allen Sinnen in Euch hineinzuhorchen. Dies in Bewegung zu tun, erhöht die Intensität der Empfindungen, so dass wir nicht so einfach wieder in Gedanken abdriften und unterstützt daher die Verkörperung von Präsenz.
Wenn Ihr mögt, könnt Ihr Euch innerlich jederzeit mit der grossen Esalen-Familie verbinden, in der sich bestimmt irgendwo auf diesem Planeten gleichzeitig andere Massage-Freunde oder Gruppen auch zum Rhythmus eines schönen Liedes, dem Rauschen des Meeres oder Windes oder einfach des eigenen Atems, bewegen.

Eure Massage-KlientInnen werden ganz sicher den Unterschied spüren, wenn Ihr sie mit solch einer Präsenz durch die Hände berührt! Enorme Selbstheilungskräfte werden aktiviert, Blockaden können sich lösen und die Klienten erleben oft ein
Gefühl “jetzt bin ich wieder bei mir “. Dies ist in unserer digitalisierten und hektischen Welt ein grosses Geschenk!

movement-bahrenhof

Zum Kennenlernen der Esalen Massage und als Refresher bieten sich die Einführungskurse an. Der nächste und letzte Kurs in 2016 findet am 19./20. November in Unna statt.Die Termine für 2017 findet ihr auf dieser Homepage unter Einführung.
Damit unsere Esalen Massage Familie stetig wachsen kann, findet ihr hier die Termine für die nächste Ausbildung, die am 23. September 2017 beginnt. Wir freuen uns, wenn Ihr uns weitempfehlt.

Für den Austausch unter Kolleginnen und Kollegen der Esalen Familie sind die regelmässigen “Theesalen” Treffen auf dem Bahrenhof wunderbar. Die Termine dafür in 2017 könnt ihr bei Valeska Schmidt-Tychsen erfragen. Email. yogagami@gmail.com oder unter http://www.yogabahrenhof.de/

von Perry Holloman

In meiner Arbeit mit Klienten über viele Jahre und auch in meinen Beobachtungen von unseren Esalen Massage StudentInnen kann ich viele verschiedene heilsame Aspekte dieser Arbeit beobachten. Beispiele davon sind: verbesserter Flüssigkeitsaustausch, sowohl lokal in spezifischen Bereichen des Körpers, wie auch allgemein verbesserte Durchblutung (manche Menschen berichten von lokalem, manche von generellem Pulsieren, das manchmal noch Stunden nach der Behandlung anhält); ein tiefes Entspannungsgefühl, das oftmals nur im Tiefschlaf erfahren wird. (mehr zu diesem Phänomen siehe unten); ein klares Empfinden der Verbindung der verschiedenen Körpersegmente, zwischen der Pheripherie, der Wirbelsäule und dem Brustkorb; wiedergewonnene Flexibilität in zuvor steifen Gelenken und den umliegenden Bereichen; letzlich das Auftauchen und Verdauen von verschütteten traumatischen Erfahrungen, die einen entscheidenden Beitrag zu Symptombildern von Schmerz und Verspannung leisten.

In diesem Artikel werde ich mich auf einen der obengenannten Effekte beschränken: Die bemerkenswerte Kraft dieser Arbeit, tiefe Entspannung in nahezu jedem Menschen hervorzurufen und vor allem bei denen, die unter Stress und den davon bedingten Begleiterscheinungen und Krankheiten leiden.

Die Art der Tiefenentspannung, von denen KlientInnen oft nach der Esalen Massage berichten, ist mit nichts zu vergleichen, was sie bereits kennen: Oft höre ich Beschreibungen wie:

“Es war als schliefe ich, aber gleichzeitig war ich mir klar über alles bewusst, was du in der Massage gemacht hast.”

“Die Zeit schien still zu stehen. Ich dachte Du hättest erst ein paar Minuten an mir gearbeitet und dann waren die 1 ½ Stunden schon vorbei.”

“Ich träumte, war aber gleichzeitig die ganze Zeit über wach”.

Ich habe beobachtet, dass in diesen Zuständen die Beschwerden, mit denen die Klienten kommen, tiefer von den heilenden Aspekten dieser Arbeit berührt werden. Zum Beispiel: Ein schmerzender Bereich im Körper, bei dem der Klient auf Berührung normalerweise mit Hyper-Wachsamkeit reagiert, ist nun überraschend berührbar; Ein Klient, der üblicherweise überempfindlich auf tiefere Berührung reagiert, ist nun erstaunlich empfänglich dafür; Klienten, die mich gebeten haben bestimmte Schmerzbereiche nicht zu berühren, aus Angst, dass die Massage ihre Symptome verschlimmern könnte, baten mich nun, meine Hände auf genau diese Bereiche zu legen. Dies sind einige der typischen Unterschiede in Klienten, die einen tieferen Zustand von Entspannung erreicht haben. Zwei der typischen Vorzeichen, die diesen Zustand ankündigen sind ein “Zucken” im Körper des Klienten und das “Gurgeln” der Verdauungsorgane, das die Zunahme peristaltischer Aktivität indiziert. Die Frage, die uns als Körperarbeiter interessiert ist, ob diese Anzeichen als wertvoller “Meta-Prozess” für den Prozess des Klienten und den zwischen Klient und Behandler betrachtet werden können. Die Antwort auf diese Frage ist meiner Ansicht nach ein ausdrückliches “Ja”: Wir beobachten die Manifestation einer der bedeutsamsten Meta-Prozesse, der als Resultat einer kompetenten angewandten Körperarbeit auftritt und oft als “unwinding” bezeichnet wird. Dieser Begriff wird in Körperarbeits- und weiteren Kreisen oft recht locker gebraucht, um einen Prozess zu beschreiben, bei dem entweder ein disreguliertes Körperteil oder System wieder zu seinem natürlichen Zustand zurückkehrt oder eine generelle Stress- und Spannungsregulation stattfindet.

In meinem Fall meine ich sogar noch etwas über diese beiden Bedeutungen hinaus. Die Wiedergewinnung von “autonomer Flexibilität” des Nervensystems eines Lebewesens, ganz egal wie primitiv dieses ist.

Zum Abschluss des ersten Teils meines Artikels möchte ich autonome Flexibilität als den essentiellen Prozess definieren, bei dem das Nervensystem fähig ist, zwischen dem sympathischen und dem parasympathischen Zweig hin- und herzupendeln und zwar in einer Weise, die der momentanen, tatsächlichen Situation des Individuums entspricht (anstatt aus der Vergangenheit stammenden Erlebnisse, die auf die Gegenwart übertragen werden).

Der Verlust dieser Fähigkeit in einem gestressten oder traumatisierten Menschen ist etwas, das ich mehr und mehr in meiner Praxis sehe und als eine der verbreitesten modernen Zivilisationskrankheiten bezeichnet werden könnte. All die stressbedingten Probleme wie Schlaflosigkeit sind Konsequenzen dieses Verlustes, der autonomen Flexibilität. Esalen Massage und Deep Bodywork sind zwei der wichtigsten Werkzeuge, mit denen wir Menschen genau dort erreichen können, wo der Schlüssel zu diesen Problemen liegt, und wo diese gelöst werden können.

In Teil II werde ich die wichtigsten klinischen Betrachtungen teilen, die helfen, diese Prozesse des ”unwindings” zu identifizieren und zu begleiten.

 

Heilende Physiologische Effekte der Esalen® Massage: Teil II, von Perry Holloman

 

Im ersten Teil der “Heilenden Pysiologischen Effekte” der Esalen Massage habe ich von der bemerkenswerten Kraft dieser Massage, wie auch der von Deep Bodywork, gesprochen. Vor allem im Hinblick auf die Stimulierung eines Prozesses in unseren Klienten, den wir “unwinding” nennen. Wir definierten “unwinding” als die teilweise oder komplette Wiederherstellung der “autonomischen Flexibilität”, die Kapazität unseres Nevensystems zwischen der sympathischen und der parasympathischen Dominanz je nach Situation hin- und herzuschalten. Ich habe die Hypothese aufgestellt, dass der Verlust dieser autonomen Flexibilität ein Metaprozess ist, der vielen stressbedingten Krankheiten, die wir in unseren Klienten sehen, zugrunde liegt und die einen hohen Prozentsatz der Gesamtpopulation betrifft. Die tiefen Entspannungszustände, die wir durch die Esalen Massage und durch Deep Bodywork auslösen, sind ein bemerkenswert effektives Mittel diese stressbedingten Beschwerden zu behandeln und nach und nach die autonome Flexibilitat wieder herzustellen.

 

Können wir die Komponenten der Esalen Massage und Deep Bodywork, die primär dazu beitragen, diese “unwinding”-Reaktionen des Nervensystems und die Wiedergewinnung der autonomischen Flexibilität hervorrufen, indentifizieren? Nach meiner Erfahrung in den letzten 30 Jahren als Practitioner und Lehrer dieser Methoden ist die Antwort meines Erachtens “Ja”. Wir können die Hauptfaktoren identifizieren und unseren Studenten beibringen:

1) Das Tempo unserer Arbeit verringern.

Dies ist ein entscheidenes Element, um die Bedingungen herzustellen, die für die “Restaurierung” der autonomen Flexibilität Voraussetzung sind. Dafür gibt es mindestens zwei wichtige Gründe. Der erste Grund hat mit archaischen Strukturen im Gehirn zu tun, dem limbischen System und dem Hirnstamm, die auf unbekannte Stimulation mit Misstrauen reagieren, was offensichtlich gute Gründe für die Sicherung des Überlebens hat. Wenn wir als Körperarbeiter zu schnell arbeiten, können wir leicht defensive Reaktionen im Organismus auslösen, die auf einer unbewussten, reflex-gesteuerten Ebene angesiedelt sind. Dadurch limitieren oder behindern wir die Tiefe der Entspannung. Zweitens werden unsere Klienten weniger offen sein, eine Bindung mit uns einzugehen, wenn ihr Nervensystem von dieser defensiven Aktivität eingenommen ist. Damit “unwinding” effektiv sein kann, muss es eine gute Vertrauensbasis zwischen Klient und Practitioner geben. Wir können einen Vergleich anstellen zwischen einem übermässig gestressten, hoch angespannten Klienten und einem Tier, dass durch irgendwelche Umstände unter “Hochspannung” steht. Wenn wir uns zu schnell auf solch ein Tier zubewegen und Körperkontakt aufnehmen, werden wir wahrscheinlich angeknurrt, gekratzt oder gebissen. Indem wir uns aber unseren Klienten mit Feingefühl und Achtsamkeit nähern und ein langsames Tempo in unsere Arbeit bringen, erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit, dass sie in den vollen Genuss unserer Berührung kommen, ohne dass dieser durch die defensiven Filter gemindert wird.

 

 

 

2) Die Arbeit mit Schwerkraft anstatt unserer eigenen Muskelkraft.

Johanna and ich verbringen viel Zeit in unseren Seminaren damit, den Studenten zu helfen, durch ihre sorgfältig organiserte Körperhaltung als Vehikel für den Fluss der Schwerkraft zu fungieren. Der Unterschied zwischen Berührung, der durch Schwerkraft versus Druck, der durch Muskelkraft erzeugt wird, ist leicht für unsere Kleinten spürbar. Berührung, die auf Schwerkraft basiert und langsam angewandt wird, erzeugt keine defensive Reaktion, während die Arbeit mit Muskelkraft diese Reaktion sehr häufig auslöst. Der Unterschied liegt in der “Erdung” (grounding), die bei der Anwendung von Schwerkraft in die Arbeit einfliesst und darin spürbar wird.

Die Übertragung von Schwerkraft bedarf der Etablierung einer “Basis” durch das Becken, die Beine und Füsse in Verbindung mit der Erde oder dem Boden. Diese Art Basis gleicht dem Stand, der beim Üben von Tai-Chi, Aikido und verschiedenen Yoga Positionen eingenommen wird. Wenn wir aus diesem Stand heraus arbeiten und quasi in Richtung des Klienten “fallen”, übertragen wir automatisch die Energie der Schwerkraft.

Die Anwendung dieser geerdeten und im Feld der Schwerkraft ausgerichteten Körperhaltung wird dann von selbst das Tempo verringern. Eine solche Berührung wird als substantiell, fliessend und entspannend erlebt.

 

3) Lernen, sich wie ein Tai Chi Meister zu bewegen und die Qualität von “fliessender Stille” zu verkörpern.

Wenn wir unsere Arbeit verlangsamen, indem wir uns mit dem Feld der Schwerkraft verbinden und die Rhythmen von “Fliessen” und “Stille” verkörpern, erhöhen wir dadurch die Wahrscheinlichkeit, für unsere Klienten einen Prozess von “unwinding” zu katalysieren. Vor vielen Jahren, als ich nach Esalen kam, hatte ich das Glück, mit Gabrielle Roth zu lernen, während sie die Bewegungsform der 5-Rhythmen” entwickelte. Gabrielle war damals die Leiterin der Esalen Massage Crew und die Rhythmen von “Fliessen” und “Stille” sind in jeder kompetenten Esalen Massage spürbar. Wenn wir lernen können in unserer Berührung diese Rhythmen zu verkörpern und unsere Massagearbeit als eine Form der Bewegungspraxis erleben, kann die Synergie all dieser Elemente geschehen: Verlangsamen, Verbinden mit dem Feld der Schwerkraft, Verkörpern der Qualitäten von Fliessen und Stille und uns bewegen wie ein Tai Chi Meister.

Wir können beobachten, dass wenn ein Practitioner mit diesen 3 Elementen arbeitet, ein “unwinding” Prozess stattfindet, während die Person berührt wird. Der Klient taucht in einen Zustand von spürbarer Präsenz, der wahrscheinlich sogar mit einem Gehirnmonitor messbar wäre.

 

Zusammen gefasst möchte ich ausdrücken, dass das zentrale Nervensytem in der Lage ist, sich selbst, wie auch jedes andere Teil des menschlichen Körpers, zu heilen.

Da das zentrale Nervensystem besonders von starken emotionalen Erfahrungen beeinflusst wird, kann und wird es im Laufe des Lebens “aufgedreht”.

Wir nennen diesen Prozess “Stress”. Wenn eine gewisse Schwelle von Stress erreicht wird, kann das zentrale Nervensystem seine Kapazität verlieren, sich selbst zu regulieren und zu heilen. Dies ist eine Art und Weise, den Verlust von autonomer Flexibilität zu beschreiben. Diese Situation liegt den stressbedingten Beschwerden vieler unserer Klienten zugrunde. Esalen Massage und Deep Bodywork, wenn sie mit den oben beschriebenen Elementen angewandt werden, sind effektive Methoden, um die Fähigkeit zur Selbstregulation oder autonomischen Flexibilität wieder herzustellen

Ich hoffe, dass dieser Blog für Euch und Eure Arbeit hilfreich ist!

Perry

 

———————–